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Mehr Gelassenheit im Alltag

Vater und Kinder vor Wäscheleine und Hausmauer am Lehmboden in Indien
copyright by Theres Mackinger

„Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum.

In diesem Raum haben wir die Freiheit und die Macht,

unsere Reaktion zu wählen.

In unserer Reaktion liegen

unser Wachstum und unsere Freiheit.“

Viktor E. Frankl (war ein österreichischer Neurologe und Psychiater)

 

„Gut Ding braucht Weile“ 

…scheint leider eine veraltete Redewendung zu sein.

In unserer heutigen schnelllebigen Zeit tendieren wir meist dazu, sofort auf alles zu reagieren – zum Beispiel unsere Nachrichten zu beantworten, zurückzurufen - und immer erreichbar zu sein. Es wird ja auch erwartet, oder nicht? Wir selbst werden auch schnell ungeduldig, wenn wir nicht gleich eine Antwort bekommen – ob es tatsächlich wichtig ist oder nicht spielt dabei keine große Rolle. Was dabei auf der Strecke bleibt ist der „Raum“, die „Luft“, das „Nichts“, die Pause um nachdenken zu können, um zu reflektieren. Es liegt an uns, wie wir reagieren wollen, das wird auch in Frankls Zitat so schön beschrieben.

Fehlt der Raum zwischen einem Reiz und unserer Reaktion erzeugt das Stress, außerdem führt es oft zu überhasteten unangebrachten Reaktionen oder Handlungen, die wir im Nachhinein wieder bereuen.

 

Selbstregulation macht glücklich

Für die Selbstregulation braucht es eben genau diesen Raum, diese kurze Pause um abzuwägen. Das Selbst auf der einen Seite ist unser triebgesteuerter Part, auf der anderen Seite der Selbstbeobachter, der wie schon der Name sagt, das reflektierende Pendant dazu ist. Eine gute Balance zwischen diesen beiden Teilen, also eine gute Selbstregulation, macht die glücklichsten Menschen, sagt jedenfalls Joachim Bauer (Neurowissenschaftler, Internist, Psychiater und Psychotherapeut).

…und auch gesünder

Bei einem Vortrag von Joachim Bauer, der großen Eindruck bei mir hinterlassen hat, hat er unter anderem eine Studie zu diesem Thema vorgestellt und ein paar interessante Fakten zur modernen Genforschung erläutert, davon möchte ich hier kurz erzählen.

Laut einer interessanten Studie aus dem Jahr 2013 von Barbara L. Fredrickson (Psychologin und leitende Wissenschaftlerin am Positive Emotions and Psychophysiology Lab an der University of North Carolina at Chapel Hill) sind Menschen, die eine gute Selbstregulation haben nicht nur glücklicher, sondern auch gesünder.

Die Psychologin hat zwei Gruppen von Menschen gegenübergestellt: auf der einen Seite bekennende Hedoniker, Menschen die nach sofortigem Genuss trachten und nicht gerne Abwarten oder Dinge Überdenken, die also ein stärker ausgeprägtes Selbst haben, und auf der anderen Seite Eudaimoniker, achtsame Menschen, die öfters überlegen was ihnen denn guttut, die also eine gute Selbstregulation besitzen (hēdonḗ = Freude/Vergnügen/Lust; eudaimonía = gelingendes Leben).

Beide Gruppen waren medizinisch kerngesund, vom Alter, Geschlechterzusammensetzung und von der Bildung auch vergleichbar.

Frau Fredrickson wollte herausfinden, ob die Gene, die entscheidend sind für Gesundheit oder Krankheit, bei diesen Menschen unterschiedlich aktiviert sind.

 

Kurzer Exkurs zum Thema Gene: „Gehirn macht aus Psychologie Biologie“

Laut modernem Stand der Genforschung sind etwa 99 % aller Gene bei allen Menschen gleich, Krankheiten die durch Gene ausgelöst werden sind also sehr selten. Ob wir krank werden oder gesund bleiben hängt mehr von der Aktivierung der Gene ab. Alle Gene haben einen Genschalter zur Genregulation, welche durch unseren Lebensstil (Ernährung, soziale Beziehungen etc.) bestimmt wird.

…zurück zur Studie

Die Frage bei der Studie war also auch, ob Lebensstile verantwortlich sind für die unterschiedliche Regulierung der Gene.

Als Betrachtungsgegenstand wurde eine Gruppe der Gene hergenommen, und zwar die Stressgene (CTRA-Gene), die das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Demenz- und Krebserkrankungen erhöhen.

Und tatsächlich waren diese „Problemgene“ bei der Gruppe der Hedonisten stärker aktiviert als bei jener der Eudaimonikern.

Das Ergebnis war also: „Gene steuern nicht nur, sie werden auch gesteuert“, so Joachim Bauer. Unsere Einstellung und unser Denken beeinflussen unsere Gene.

Ja, das mag zwar ohnehin einleuchtend klingen und á la „self-fulfilling prophecy“-Theorie bereits durchaus bekannt, aber dass dies auch wirklich durch die Genforschung untermauert wurde, war mir bisher noch nicht bekannt.

Barbara L. Fredrickson hat in einer anderen Studie auch nachgewiesen, dass Personen, die an einem Meditationskurs teilnahmen vermehrt positive Gefühle verspürten und dauerhaft neue Ressourcen aufbauen konnten. Sie konnte also nachweisen, dass positive Gefühle bewusst herbeigeführt werden können. („Die Macht der guten Gefühle: Wie eine positive Haltung Ihr Leben dauerhaft verändert“ von Barbara L. Fredrickson)

Mehr Gelassenheit im Alltag

Und hier möchte ich den bereits weit verbreiteten Begriff der Achtsamkeit ins Spiel bringen. „Den Moment achten, ohne ihn zu bewerten“ (planet-wissen.de) finde ich eine schöne und knackige Beschreibung. Es mag vielleicht schon ein etwas abgedroschener, ein modischer Ausdruck sein, bei dem man nie so genau weiß, was eigentlich dahintersteht. Oder der leicht in die Esoterik-Schiene verfrachtet wird. Ich denke aber, dass Achtsamkeit tatsächlich ein Schlüsselbegriff für unsere heutige Gesellschaft ist, um wieder mehr Gelassenheit und Zufriedenheit zu erlangen. Achtsam zu leben hat mit einer bewussten Lebensweise zu tun. Ich entscheide mich bewusst wie ich mich ernähre, welche Art der Mobilität ich wähle, welche Werte ich vertrete, und kann damit meine Umwelt ein Stück weit mitgestalten.

„Achtsamkeit zielt darauf ab, mehr im Jetzt und Hier zu leben. Es geht darum, dem Moment mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Dazu ist es wichtig, den inneren Autopiloten abzuschalten und das Gedankenkarussell zu stoppen. Ziel ist es, mehr Gelassenheit zu entwickeln“. (Achtsamkeitstrainer Günter Hudasch aus Berlin, https://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/achtsamkeit-was-ist-das-a-1046882.html)

Achtsamkeitsmeditation

In der Achtsamkeitsmeditation konzentrieren wir uns auf ein Meditationsobjekt, zum Beispiel den Atem, und beobachten diesen ohne ihn zu bewerten. Wir schauen uns die Einatmung genau an, wie die Luft durch die Nase strömt, wo wir sie besonders spüren, die Bewegung unseres Körpers, wenn die Luft hineinströmt, und dann genauso wieder die Ausatmung. Wo strömt der Atem hin, wie reagiert der Körper darauf. Nochmal: Wir beobachten, ohne zu bewerten. Das ist etwas, was viele in unserer Leistungsgesellschaft verlernt haben.

Wenn ein Reiz kommt - sei es ein Gedanke, Geräusch oder zum Beispiel ein Jucken - dann nehmen wir ihn wahr, ohne unbedingt darauf reagieren zu müssen. Der Reiz kann auch benannt werden, also quasi kategorisiert, und dann lassen wir ihn weiterziehen und kehren zu unserem Atem zurück. Das bedeutet nicht, etwas zu unterdrücken oder zu ignorieren, sondern es bedeutet lediglich es nicht sofort lösen zu müssen. Denn oft verstricken wir uns so sehr in Gedanken, wenn wir jedes Mal allem nachgehen was daherkommt, und können somit nicht im Hier und Jetzt sein.

Das Gedankenkarussell wird während der Mediation immer wieder anfangen sich zu drehen, vor allem anfänglich werden wir uns ertappen, dass wir vielleicht gerade mal zwei oder drei Atemzüge wirklich konzentriert auf den Atem sind, bevor wieder ein nächster Gedanke uns abzulenken versucht. Das ist auch ganz normal und wir sollten dann nicht zu streng zu uns sein, sondern uns lediglich wieder daran erinnern auf den Atem zu achten. Je mehr wir üben, umso schneller bemerken wir in der Regel, wenn wir abschweifen und können schneller wieder in den gegenwärtigen Zustand zurückkommen.

Während der Meditation wird versucht, möglichst stillzusitzen und nur etwas an der Position zu ändern, wenn es nicht mehr anders geht, also sich ein Schmerz ausbreitet, der nicht auszuhalten ist. Wenn es mal ein bisschen juckt, beobachten wir dies einfach mal genauer und oft geht es dann vorbei, ohne dass wir darauf reagieren müssen.

Diese Übung kann uns enorm helfen, auch im Alltag gelassener zu reagieren. Und sie lehrt uns, dass wir nicht immer auf alles sofort reagieren müssen, uns bleibt immer die Wahl.

Für alle die jetzt neugierig geworden sind und gerne eine Achtsamkeitsmeditation ausprobieren wollen, biete ich hier eine kurze geführte Sequenz als Audio-File an - einfach drauf klicken. 

 

Viel Freude wünsche ich Euch damit!

 

Namasté,

Eure Theres

Download
Achtsamkeitsmeditation
10-minütige, geführte Meditation
Achtsamkeitsmeditation 01.mp3
MP3 Audio Datei 11.8 MB

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Kommentare: 4
  • #1

    Barbara (Donnerstag, 21 Januar 2021 15:01)

    There's, danke für Deinen ausführlichen Bericht, wo Du einen spannenden Bogen zwischen neuesten Erkenntnissen der Neurowissenschaften zu der uralten Tradition von Meditation und Yoga ziehst.
    Ja, ich feue mich schon auf Dein Achtsamkeitsvideo!
    Namasté

  • #2

    Katja (Montag, 25 Januar 2021 09:56)

    Eine Yogaseite mit Hand und Fuß ... und Hirn und Herz! Not-wendig im wahrsten Sinn des Wortes für unsere immer schneller werdenden Zeiten und für mich als bekennende Hedonikerin sowieso! Daaanke! Freu mich auf alles, was noch kommt! : )

  • #3

    Angela (Mittwoch, 27 Januar 2021 20:22)

    Das ist eine wirklich sehr gut gelungene Zusammenfassung zwischen wissenschaftlichen Erklärungen und psychischen Vorgängen. Theres ich bewundere wie du das klar und verständlich zum Ausdruck bringst.

  • #4

    Barbara (Dienstag, 16 Februar 2021 15:55)

    Fein, dass Du nun regelmäßig online Deinen Kurs anbietest.
    Namasté